Reiter sind kritikunfähig - im doppelten Sinne

Wieso fällt es uns so schwer, unsere Mitmenschen auf offensichtlich unfaires Verhalten gegenüber dem Partner Pferd anzusprechen? Und wieso platzt uns innerlich die Hutschnur, wenn wir unsererseits auf Fehlverhalten angesprochen werden? Wir sind offenbar im doppelten Sinne kritikunfähig!

 

 Wer kennt das nicht? Steffi deckt ihr gesundes, junges Pferd bei strahlendem Sonnenschein und 15°C immer noch mit der topaktuell Blush-farbenen, 250g starken Rambo Rug ein („sie friert so schnell“), Rebecca, die 90kg wiegt, setzt sich tagtäglich auf ihre 4-jährige, unterbemuskelte und folglich mit Senkrücken ausgestattete  Tinkerstute (sie „tingelt ja nur ein bisschen im Gelände rum“) und Till füttert seinen übergewichtigen Wallach Max nach der „Arbeit“ (20- minütiger Spaziergang im Wald) mit einem Kilo Müsli. Was sagen wir als ganzheitlich gebildeter Pferdemensch dazu? Meist Nichts. Dabei sind die oben genannten Beispiele noch vergleichsweise harmlos.

 

Es spielt sich viel Unschönes in unseren Reitställen ab. Hinter vorgehaltener Hand regt man sich auf oder macht seinem Ärger bei Facebook und Co. Luft, vornehmlich, wenn mal wieder ein großes Turnier läuft und die Stewarts und Richter an den Pranger gestellt werden, weil sie nichts unternommen haben, als Reiterin X ein 20-minütiges Rollkur-Programm durchführte oder das Pferd vom Reiter Y vor Taktfehlern in der Prüfung nur so strotzte und keine Rückentätigkeit/Hanken-beugung/Losgelassenheit etc. erkennbar war. Diese Aufregung ist NATÜRLICH nachvollziehbar und einige Mutige gibt es tatsächlich, die das Fehlverhalten der Reiter direkt ansprechen. Aber diese Mutigen sind rar gesät.

 

In den meisten Ställen läuft es doch so ab: Steffi, Rebecca und Till werden nicht direkt angesprochen, sondern es wird gelästert. „Die ist vielleicht blöd, das Pferd kriegt doch nen Hitzschlag“, „Die ist viel zu fett, das Pferd ist in zwei Jahren gnadenbrotreif“ oder „Der Till braucht sich nicht wundern, wenn Max bald Hufrehe kriegt.“ So oder ähnlich läuft es tagtäglich ab. Jaha, auch bei Euch!

 

Wer wird schon gerne kritisiert? Und das auch noch ungefragt? Kaum einer. Jeder kocht sein eigenes Süppchen und fühlt sich offenbar ganz wohl damit. Dabei wäre es so einfach, den Pferden unserer Mit(st)reiter und auch unseren eigenen etwas Gutes zu tun, indem wir konstruktive Kritik zulassen und ausüben. Da liegt dann aber auch schon das nächste Problem: Wie schon gesagt, jeder meint es besser zu wissen. Und kaum einer ist bereit, seine seit Jahren oder gar Jahrzehnten aufgebauten, gedanklichen Strukturen zugunsten neuerer zu verändern.

 

„Das mache ich schon immer so, geschadet hat’s ja offenbar nicht.“

 

Denken wir doch mal darüber nach, dass Pferde eher die stillen Leidenden sind; erst, wenn gar nichts mehr geht, machen Sie Ihrem Unmut mehr oder weniger stark Luft. Da kann ein sogenanntes Freizeitpferd auch zwei Jahrzehnte mit den stärksten Verspannungen herumgurken und keiner merkt’s.

 

Natürlich nervt es, wenn man von Leuten im Stall, die offenbar noch weniger Ahnung haben als man selbst, kritisiert wird. Was tun? Fragt denjenigen doch einfach mal konkret, was er denkt, wo das Problem liegt und wie sein Lösungsvorschlag aussehen würde. Lasst Euch diesen dann verständlich und fachgerecht erklären und denkt einfach mal drüber nach! Entweder, derjenige hat wirklich keine Ahnung und wird dadurch schon beim Einfordern des Erklärens in Not geraten, oder er hat tatsächlich einen sinnvollen Ansatz, der Euch helfen könnte.

 

Oder andersherum: Ihr habt auch eine Steffi am Stall? Bietet Ihr doch einfach mal an, Ihr Pferd abzudecken, wenn Ihr bereits früher als sie am Stall seid, da sie das ja offenbar nicht immer rechtzeitig schafft, bevor die Temperaturen steigen. Das lässt Raum für ein weiteres Gespräch, in dem Ihr Steffi freundlich auf die Vorteile, die das Pferd ohne Decke genießen kann (Fellpflege mit den Kumpels, wohltuendes Wälzen etc.) hinweisen  könnt. Des weiteren kann man einfließen lassen, dass die Decke echt super aussieht und es schade um diese wäre, wenn sie durch die Sonne zu schnell ausbleichen oder durch die Fellpflege beschädigt werden würde, letzteres mit einem verschwörerischen Zwinkern. Entweder hat sie eine gute (!) Erklärung für ihr Handeln, oder, falls nicht, wird sie zumindest über das von Euch Geäußerte nachdenken. Heißt: Das Denken anstoßen!

 

Selbiges gilt für Till: Diesen könnte man interessiert fragen, was im Müsli, das er füttert, eigentlich so drin ist. Wenn er hier noch nicht stockt und mit den Schultern zuckt, wird er das spätestens tun, wenn Ihr freundlich weiterbohrt, welches Ziel er mit der Fütterung des Müslis anstrebt. Auch hier gilt es, ein ein paar Fakten einzustreuen, ganz unverblümt und ohne, dass Till merkt, dass sein Handeln hinterfragt wird. Und somit wieder:  Nachdenken anstoßen, ganz subtil!

 

Es kann sicherlich nicht erwartet werden, dass die beiden sofort alles ändern. Andersherum werden wir unser Verhalten auch nicht sofort umstellen. Aber zumindest werden wir darüber nachdenken. Und wir können durch Gespräche diejenigen ausfindig machen, die tatsächlich Ahnung haben aber andersherum auch die aussortieren, die nur schwafeln.

 

Beginnt einfach mal bei Euch selbst, lasst Kritik zu! Das wäre ein weiterer wichtiger Schritt in die richtige Richtung zum Wohle unserer treuen Pferde!

 

 

 

„In dem Maße, wie der Wille und die Fähigkeit zur Selbstkritik steigen, hebt sich auch das Niveau der Kritik an anderen.“

 (Christian Morgenstern)

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Jörg (Freitag, 19 April 2019 20:19)

    Ich sehe diesen Beitrag zwiegespalten. Einerseits ist es natürlich immer gut für das Pferd Verbesserungen zu erreichen. Die Grenzen zum Reinquatschen sind allerdings fließend. Dies sollte derjenige, der einem "geschundenen" Pferd helfen möchte immer im Hinterkopf haben. Ich erläutere gerne (nicht allen gegenüber), was ich warum tue, andererseits möchte ich mich nicht jedem gegenüber rechtfertigen müssen. Besonders großes Gewicht haben bei mir die Meinungen und Hinweise des erfahrenden Stallbetreibers, unseres Tierarztes, unseres Hufschmiedes und nicht zuletzt unseres Osteotherapeuten.
    Wenn jemand des Öfteren "subtil" seine Meinung "aufzwingen" möchte, dann machen Gespräche mit demjenigen keinen Spaß. Löst doch irgendwann jede Frage im Kopf ein "In welche Falle möchte er mich nun schon wieder locken?" aus.
    Andrerseits sollte man den anderen nicht in ein "offenes Messer" laufen lassen. So habe ich deutliche Hinweise gegeben, daß Verladeübungen mit einem nicht angekuppelten Pferdehänger diesen zum nach hinten Kippen bringen können. Mein Hinweis wurde dankbar angenommen.